05/09/2025
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Das klassische Hundetraining arbeitet mit Belohnungssystemen. Der Hund zeigt ein Verhalten, und dafür gibt es Lob, ein Leckerli, einen Klick oder ein Markerwort. Viele Menschen halten das für die sicherste und fairste Methode. Doch im Alltag erweist sich dieses Prinzip als erstaunlich schwach, und der Grund dafür liegt tiefer, als man zunächst denkt. Hunde erinnern und entscheiden anders, als wir es ihnen in solchen Trainingsformen zutrauen.
Ein Hund kann sich nicht wie wir einen inneren Film ansehen. Er blickt nicht zurück und denkt darüber nach, wie er etwas hätte besser machen können, und er entwirft auch keine Zukunftsvarianten, um daraus die beste auszuwählen. Sein Leben findet vollständig im Jetzt statt. Sobald sich seine Gefühlslage ändert, ist das bisherige Jetzt vorbei, und ein neues beginnt. Auf frühere Erlebnisse kann er nur dann zugreifen, wenn die aktuelle Stimmung der damaligen sehr ähnelt. Erinnerungen sind für ihn also immer an Gefühle gebunden. Sobald ein bestimmter Gefühlsmix aufkommt, steigen passende Episoden aus dem Gedächtnis auf, alles andere bleibt verschlossen. Das bedeutet, dass eine Erinnerung für den Hund nur dann verfügbar ist, wenn sie sich in die aktuelle Gefühlslage einfügt.
Das haben die Experimente von Claudia Fugazza eindrücklich gezeigt. Hunde sahen, wie ein Mensch mit einer auffälligen blauen Kiste interagierte – etwa sich darauf setzte oder sie berührte. Später - auch Tage später - im Beisein derselben Kiste, konnten die Hunde das Verhalten abrufen, auf sich übertragen und setzten sich ebenfalls oder bewegten die Kiste. "Tu was ich tat". Ohne die Kiste hatten sie keinen Zugriff auf die Erinnerung. Die Kiste war der Schlüsselreiz, der das gespeicherte Erlebnis überhaupt erst zugänglich machte.
Für den Hund bist du selbst oft diese „blaue Kiste“. Machst du mit ihm eine Sitzübung, zum Beispiel indem du ein Leckerli über seiner Nase führst, speichert er: „Wenn mein Mensch das so macht, bekomme ich etwas.“ Doch in dieser Erinnerung steckt ein entscheidender Makel: Sie ist asymmetrisch. Du bist der Geber, er ist der Nehmer. Du forderst, er leistet. Das Gefühl dieser Szene enthält ein Gefälle, das mitgetragen wird, wenn die Erinnerung später wieder aufgerufen wird.
Und genau hier liegt das Problem. Solche asymmetrischen Erinnerungen sind eng, abhängig und unflexibel. Der Hund kann sie nur nutzen, wenn du die Situation wieder herstellst – mit deinem Kommando, deinem Marker, deinem Leckerli. Tritt aber eine echte Alltagssituation ein, die ihn emotional fordert – ein fremder Hund, ein lautes Geräusch, ein plötzliches Auto – dann bietet ihm diese Erinnerung keine Lösung. Er erinnert sich an das Gefälle, an deine Rolle als Geber, an seine eigene als Nehmer. Aber in seiner aktuellen Gefühlslage, die nach Sicherheit und Stabilität verlangt, passt diese Erinnerung nicht.
Hunde sind Rudeltiere, und Rudel leben von Symmetrie und Synchronisierung. Sie laufen gemeinsam, ruhen gemeinsam, handeln gemeinsam. Verhalten wird nicht in einem Machtgefälle eingetauscht, sondern geteilt und gespiegelt. Erinnerungen, die Symmetrie enthalten, sind für Hunde deshalb unendlich viel wertvoller, weil sie ihrer sozialen Natur entsprechen.
Stell dir vor, du setzt dich mit deinem Hund auf eine Parkbank. Ihr sitzt einfach zusammen und beobachtet die Welt. Kinder schreien, Autos fahren vorbei, Hunde bellen. Doch ihr beide bleibt ruhig und gelassen. Diese Erinnerung ist symmetrisch. Du tust dasselbe wie er – du sitzt. Ihr fühlt dasselbe – Sicherheit, Ruhe, Zugehörigkeit. In diesem Gleichklang entsteht eine Erinnerung, die dein Hund später auch ohne dich aufrufen kann. Wenn er in einer anderen Situation wieder Ruhe sucht, steht ihm dieses Gefühl zur Verfügung, weil er gelernt hat: Sitzen "bringt" Gelassenheit, nicht weil es dafür eine Bezahlung gibt, sondern weil ihr es gemeinsam so erlebt habt oder besser noch: in der Erinnerung steckt Ruhe, Sicherheit, Zugehörigkeit drin und dabei habe ich Hund als Verhalten das Sitzen gezeigt.
Diese Art Erinnerung lässt sich auch mit einem Wort verknüpfen, das dann als Türöffner dient. Sagst du hier „Sitz“ oder „Ruhe“, weckt das nicht die Erwartung auf eine Belohnung, sondern ruft das Bild der gemeinsamen Szene hervor. Das Wort wird zum Hinweis: Schau in diese Erinnerung, dort steckt die Lösung. Und weil die Erinnerung symmetrisch ist, teilst du sie mit deinem Hund, ihr beide erinnert dasselbe. WIR saßen.
Der Unterschied im Alltag ist enorm. In einer asymmetrischen Erinnerung wartet der Hund darauf, dass du ein Signal gibst oder eine Belohnung in Aussicht stellst. Ohne dich bleibt sie leer. In einer symmetrischen Erinnerung dagegen erlebt er Gleichklang. Diese Erinnerung kann er selbstständig nutzen, weil sie zu seiner sozialen Natur passt.
Darum scheitert Belohnungstraining so oft im Alltag. Es schafft asymmetrische Erinnerungen, die den Hund abhängig machen und in ernsten Situationen keine echte Lösung anbieten. Symmetrische Erinnerungen hingegen beruhen auf geteilter Erfahrung, spiegeln das Wesen des Rudeltieres und sind jederzeit abrufbar. Nur sie tragen den Hund durch schwierige Momente, weil sie nicht auf Belohnung und Gefälle beruhen, sondern auf Gemeinsamkeit. Hunde brauchen keine Startschüsse und Preise – sie brauchen gemeinsame Erlebnisse, die sich gut anfühlen. Symmetrie statt Asymmetrie.
Gerade weil unser Denken so tief von Belohnen, Loben und Bestrafen geprägt ist, sollten wir uns bewusst machen, wie wir Erinnerungen mit unseren Hunden bauen.
Wenn der Hund zufällig beim Durchstreifen der Gegend auf einen Brombeerstrauch trifft, ist das belohnend, wenn er dann die Brombeeren pflückt. Die Brombeere bestraft aber auch, wenn man von der falschen Seite herangeht und sie dann piekst. Aber das System der Belohnung und Bestrafung hat nun wirklich nichts mit der Synchronität auf sozialer Ebene zu tun.
Jede Szene in sozialer Interaktion prägt sich ein – und entweder entsteht eine saubere Erinnerung, die frei zugänglich bleibt, oder eine verschachtelte Erinnerung, die nur durch Belohnung ausgelöst werden kann. Fügen wir nachträglich Lob oder Bezahlung hinzu, riskieren wir, die eigentliche Stärke der Erinnerung zu beschädigen. Statt freiem Zugriff bleibt nur die Erwartung auf ein Geschenk. Deshalb lohnt es sich, besonders sorgsam zu sein: Erinnerungen, die in Symmetrie gebaut werden, sind die einzigen, die dem Hund im Alltag wirklich helfen.
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