28/12/2025
Kochen oder auch Backen sind für mich ein Denken in Prozessen, ein Sich-Einlassen auf etwas, das sich nicht beschleunigen lässt und sich nicht vollständig kontrollieren lässt. Dieses Thema lebe ich besonders dann, wenn ich wie jetzt gerade krank bin, und ich glaube nicht, dass das ein Zufall ist. In diesen Phasen tritt Leistung in den Hintergrund, Wahrnehmung rückt nach vorn.
Brot ist dabei für mich ein faszinierendes Beispiel, weil es radikal reduziert ist. Mehl und Wasser, mehr nicht. Und trotzdem entsteht etwas Hochkomplexes. Nicht durch Aktionismus, sondern durch Zeit, Temperatur, Reihenfolge, Geduld und Erfahrung. Wie sind Menschen überhaupt auf Sauerteig, Autolyse oder Kochstücke gekommen? Dahinter stecken menschliche Neugier, Beobachtungsgabe und eine sehr große Bereitschaft zum Scheitern. Niemand konnte das „wissen“. Es musste ausprobiert, beobachtet, verworfen und verfeinert werden. Immer wieder.
Genau darin liegt für mich der eigentliche Kern. Man greift nicht ein, um zu dominieren, sondern um Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen etwas Eigenes entstehen kann. Man entscheidet, wann man mischt und wann man wartet. Wann man bewegt und wann man loslässt. Wann Wärme sinnvoll ist und wann Ruhe. Und vor allem lernt man, dass sich Dinge nicht exakt reproduzieren lassen, obwohl die Zutaten gleich sind. Luftfeuchtigkeit, Mehlqualität, Tagesform, Zeitfenster – alles wirkt mit hinein.
Dieses „Gefühl entwickeln“ für Hydration, Mahlgrad, Spannung im Teig, für den richtigen Moment des Weitergehens oder Abwartens ist keine Technik im klassischen Sinn. Es ist Beziehung. Beziehung zu einem Prozess, den man nicht sieht, aber spürt. Und genau deshalb wird Brotbacken mit der Zeit besser, nicht schneller.
Eine Brücke zum Pferd liegt hier sehr nahe, ohne dass man sie laut ausbuchstabieren muss. Auch dort arbeite ich mit klaren Grundlagen und minimalen Mitteln, und trotzdem ist das Ergebnis hochindividuell. Auch dort entstehen Fortschritt, Tragfähigkeit und Vertrauen nicht durch permanentes Tun, sondern durch richtiges Timing, passende Dosierung und die Fähigkeit, Prozesse wirken zu lassen. Auch dort braucht es Neugier, Geduld und die Bereitschaft, ein Ergebnis nicht zu erzwingen.
Während ich hier über Brot schreibe, schreibe ich, glaube ich, eigentlich über Haltung. Über Lernen. Über Wahrnehmen statt Machen. Über das Vertrauen, dass Entwicklung passiert, wenn man die Bedingungen versteht und respektiert. Genau das macht diesen Gedanken so anschlussfähig für meine Arbeit mit Pferden und Menschen – nicht als Vergleich auf Teufel komm raus, sondern als stilles Wiedererkennen derselben Prinzipien in einem anderen Feld.