11/12/2025
🧠 Was versteht man unter dem Pica-Syndrom beim Hund?
Das Pica-Syndrom beschreibt die wiederholte Aufnahme nicht-nutritiver, nicht essbarer Materialien wie Steine, Erde, Holz, Textilien oder Plastik. Dieses Verhalten geht über normales Erkundungs- oder Kaubedürfnis hinaus und wird als abnormes, potenziell gesundheitsgefährdendes Fressverhalten eingestuft.
🔍 Wie entsteht Pica? — Ein multifaktorielles Geschehen
Pica gilt nicht als eigene Erkrankung, sondern als klinisches Symptom, das verschiedene körperliche oder verhaltensbezogene Ursachen haben kann.
1. Medizinische Ursachen
Pica kann u. a. auftreten bei:
* Gastrointestinalen Erkrankungen (Malabsorption, entzündliche Prozesse)
* Nutrientmangelzuständen (z. B. Eisen-, Zink- oder Vitaminmängel)
* Endokrinen oder metabolischen Erkrankungen (Cushing, Diabetes mellitus)
* Anämien
* Parasitosen (z. B. Giardien, Spulwürmer)
* Neurologischen Störungen�Körperliche Ursachen sollten immer zuerst ausgeschlossen werden.
2. Verhaltensmedizinische Ursachen
Wenn medizinische Faktoren nicht vorliegen, kommen psychische und umweltbedingte Einflüsse in Betracht:
* Stress, chronische Anspannung, Angststörungen
* Frustrationsbedingte Verhaltensweisen
* Unterforderung, sensorische Deprivation, mangelnde Umweltreize
* Stereotype oder zwanghafte Verhaltensmuster (z. B. compulsive disorders)
* Erlernte Verhaltenskomponenten (Aufmerksamkeit, Stressabbau)
Pica tritt häufiger bei Hunden auf, die unzureichend ausgelastet, sozial isoliert oder in einem unangemessenen Umfeldgehalten werden.
⚠️ Welche Risiken birgt Pica?
Die Aufnahme ungeeigneter Materialien kann zu schweren Komplikationen führen:
* Gastrointestinale Fremdkörper (lebensbedrohlicher Darmverschluss)
* Perforationen des Verdauungstrakts
* Zahn- und Schleimhautverletzungen
* Vergiftungen durch toxische Stoffe
* Sekundäre Infektionen
Einige Fälle erfordern eine Notoperation.
✔️ Diagnostik & Vorgehen bei Verdacht auf Pica
1. Tierärztliche Abklärung als Basis:
* Blutbild inkl. Eisenstatus, Elektrolyte, Leber-/Nierenwerte
* Schilddrüsendiagnostik
* Kotanalysen auf Parasiten
* Bildgebende Verfahren, falls Fremdkörper vermutet werden
* Ernährungsanamnese & Fütterungsanalyse
2. Verhaltensmedizinische Diagnostik, wenn organisch unauffällig:
* Analyse von Stressoren, Routinen, Ruhephasen
* Prüfung auf compulsive disorders
* Umfeld- & Haltungsanalyse
3. Interventionsansätze:
* Management: umweltbezogene Sicherung, Aufsicht, Maulkorbtraining (bei Bedarf fachgerecht aufgebaut)
* Optimierung von Beschäftigung, Sozialkontakt & kognitiver Auslastung
* Stressreduktion und Verbesserung der Alltagsstruktur
* Bei compulsive disorders: verhaltenstherapeutische Maßnahmen, ggf. Pharmakotherapie unter tierärztlicher Leitung
💡 Wichtig zu wissen
Pica ist kein unerzogenes Verhalten, sondern ein medizinisch oder verhaltensmedizinisch relevantes Symptom, das immer ernst genommen werden sollte. Ein frühzeitiges Eingreifen kann schwere gesundheitliche Folgen verhindern.
📚 Quellen (Auswahl)
* Horwitz, D., Mills, D. & Mohamed, A. (2020). BSAVA Manual of Canine and Feline Behavioural Medicine.
* Bowen, J. & Heath, S. (2005). Behavior Problems in Small Animals.
* Landsberg, G., Hunthausen, W. & Ackerman, L. (2013). Behavior Problems of the Dog and Cat.
* Overall, K. (2013). Manual of Clinical Behavioral Medicine for Dogs and Cats.
* American Veterinary Medical Association (AVMA): Verhalten & Gesundheitsrichtlinien.