
28/03/2025
Erlernte Hilflosigkeit: Warum die vermeintliche Konzentration häufig gar keine ist
Halten Pferde beim Reiten oder während einer Vorführung dauerhaft die Ohren seitlich, so wird auf Nachfrage immer wieder gerne behauptet, das wäre gut und richtig so und ein Ausdruck hoher Konzentration beim Pferd. Das Pferd wäre dann ganz beim Reiter/Ausbilder, wird argumentiert.
Was sich schön und erst einmal schlüssig anhört, ist mittlerweile widerlegt. Denn ein lebhaftes Ohrenspiel ist neben anderen Faktoren ein wichtiges Indiz dafür, dass es sich bei der vermeintlichen Konzentration nicht um erlernte Hilflosigkeit handelt, dass das Pferd also sich nicht aufgegeben hat und resigniert ist, sondern Anteil an seiner Umgebung nimmt und Lebensfreude zeigt, auch wenn das in der Ausbildung in manchen Momenten anstrengend sein kann.
Die erlernte Hilflosigkeit wird von vielen Reitern und Ausbildern leider durch die oben behauptete Argumentation der Konzentration ausgenutzt beziehungsweise ist sogar erwünscht. Denn das Pferd macht so scheinbar brav alles, was man von ihm möchte und wofür der Ausbilder bewundert wird. Das Pferd fragt nicht nach, es hält nicht die Umgebung im Auge, man braucht nicht so viel Zeit, weil man über die Bedürfnisse des Pferdes, sein Lernverhalten und Tempo, in dem es in der Lage ist zu lernen,hinweggeht. Auch schwierige imposante Schaunummern und Lektionen sind so möglich, weil das Pferd eben keine Eigeninitiative mehr zeigt und in sich gekehrt ist.
Diese Hilflosigkeit wird von bei einigen Reitern deswegen gewünscht. Sie können ihre Pferde so besser kontrollieren. Und auch, wenn Hilfen zu hart sind und Methoden genutzt werden, die pferdeunfreundlich sind, um es mal vorsichtig auszudrücken, so wird sich ein Pferd in erlernter Hilflosigkeit, wenn überhaupt, viel weniger dagegen wehren als ein Pferd, welches als Persönlichkeit geachtet und behandelt wird. Man sollte deswegen immer gut hinschauen, erlernte Hilflosigkeit ist auch keine Durchlässigkeit...
Das Pferd wird durch erlernte Hilflosigkeit zum Befehlsempfänger.
Erlernte Hilflosigkeit bedeutet, dass Pferd darf nichts entscheiden, es wird über seine Reaktionen einfach hinweggegangen- oft nach dem Motto, da muss es durch oder weil die Leute die Reaktionen des Pferdes, die sehr fein sein können, gar nicht wahrnehmen.
Es ist der viel schnellere Weg, Pferden mittels erlernter Hilflosigkeit etwas bei- bzw. sie unter Kontrolle zu bringen, als kleinschrittig und am Pferd ausgerichtet an der Beziehung zu arbeiten, was auch viel mehr Reflexion und Selbstkritik erfordert.
Deswegen Vorsicht wenn:
- Die Pferde beim Reiten die Ohren immer nur seitlich in einer Position haben
- Die Augen einen leeren, in sich gekehrten Ausdruck haben und/oder dreieckig sind, was auf Stress hinweisen kann, der ebenfalls durch die erlernte Hilflosigkeit verursacht werden kann
- Alle Pferde eines Ausbilders diesen Ausdruck zeigen
- Auf Nachfrage behauptet wird, das sei Konzentration
- Der Fokus auf der Show/den Lektionen liegt und nicht hauptsächlich auf der Beziehung Pferd-Mensch
- Neue wissenschaftliche Erkenntnisse abgetan werden
- Weitere Indizien wie Schweifschlagen oder Klappern auf dem Gebiss nicht als Unwohlsein benannt werden.
Die Beachtung und Berücksichtigung der seelischen Befindlichkeit des Pferdes hat nichts mit Wendyreiten zu tun, sondern sollte eine Selbstverständlichkeit im Umgang und in der Ausbildung von Pferden sein.